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Mitarbeiterempfehlung: Wenn der Freund den Job vermittelt

Jobvermittlungsprogramme für Mitarbeiterempfehlung werden immer beliebter

©Foto: Westend61 / Getty Images

„Matthias empfiehlt Dir folgenden Job…“ Dieser Satz könnte zukünftig bei immer mehr Jobsuchenden auf dem Smartphone aufploppen. Die Praxis der Mitarbeiterempfehlung hat viele Vorteile – und dürfte in naher Zukunft noch zunehmen.

Die Bewerbung auf ihren neuen Job hat Silvia Baust ihre Traumstelle eingebracht – und ihren Schwager um 2000 Euro reicher gemacht. Im Rahmen des Mitarbeiterempfehlungsprogramms beim Industrieversicherer Global Corporate & Specialty SE (AGCS) hat er seiner Schwägerin die Stelle vorgeschlagen, sie hat sich beworben und nach der Probezeit bekam er das Geld ausbezahlt. „Für mich war das perfekt, mein Schwager ist schon seit zehn Jahren bei AGCS und hat immer erzählt, wie toll es da ist. Und da ich immer in einem großen und vor allem global tätigen Unternehmen arbeiten wollte, habe ich nicht gezögert, mich zu bewerben“, sagt Silvia Baust.

Empfohlene Mitarbeiter bleiben länger angestellt

So wie ihr ging es knapp 60 Prozent aller Bewerber schon einmal: Sie haben einen Job dank einer Empfehlung aus ihrem persönlichen Netzwerk bekommen, ergab eine Studie des E-Recruiting-Anbieters softgarden unter 2436 Bewerbern. Nach 78 Prozent, die sich einfach auf eine Stellenanzeige beworben haben, ist dies der zweithäufigste Weg zur Einstellung. Bei der AGCS hat man die Chancen der Mitarbeiterempfehlung erkannt und 2015 ein Programm gestartet, um Mitarbeiter noch stärker zur Werbung neuer Kandidaten aus ihrem Umfeld zu animieren. Und der Erfolg hat sich bereits gezeigt: „Empfohlene Bewerber liefern eine überdurchschnittliche Leistung, sind dem Unternehmen loyal verbunden und in aller Regel langfristiger bei uns angestellt als Bewerber, die wir auf anderen Wegen gewonnen haben“, sagt Eva-Maria Reif, die sich bei AGCS um das Recruiting kümmert.

Damit ist das Unternehmen eines von wenigen, die die Chancen dieses Kanals bereits voll ausschöpfen: Denn in der softgarden-Studie stellte sich heraus, dass gut 60 Prozent der Befragten schon einmal einen Freund oder ein Familienmitglied bei Ihrem Unternehmen empfohlen haben – doch nur jeder Zehnte hat das im Rahmen eines bestehenden Programms für Mitarbeiterempfehlung getan.

Neue interne Jobangebote kommen über WhatsApp

Das will Carl Hoffmann ändern: Der Gründer hat mit „talentry“ ein solches Programm entwickelt, das er Unternehmen zur Verfügung stellt. „Der Mitarbeiter wird regelmäßig über offene Stellen informiert, die er auch über eine App bekommt, so dass er sie einfach über WhatsApp oder andere Netzwerke an seine Freunde oder Familie weiterleiten kann“, sagt Hoffmann. Die rund 150 Unternehmen, die mit „talentry“ arbeiten, profitieren laut Hoffmann davon: „Es gelingt wesentlich schneller, Kandidaten zu finden, als mit herkömmlichen Methoden. Die Qualität der Bewerber ist besser und sie bleiben dreimal so lang.“ Studien zeigten, dass 40 Prozent der Bewerber aus Mitarbeiterempfehlungen eingestellt werden. Und: Während man mit klassischen Stellenausschreibungen nur aktiv Jobsuchende anspricht, erreicht man mit dieser Methode auch solche, die gerade nur passiv suchen, aber auch wechseln würden.

Aufgrund dieser großen Chancen wollen 30 Prozent der Unternehmen in den nächsten Jahren auf ein digitales Mitarbeiterempfehlungsprogramm umstellen, hat Hoffmann errechnen lassen. Deshalb gibt es auch immer mehr Anbieter dieser Plattformen, so zum Beispiel auch den XING-Empfehlungsmanager.

Mitarbeiter können den eigenen Kollegenkreis mitbestimmen

Auch Mitarbeiter und Bewerber können von dieser Entwicklung nur profitieren. Wer Mitarbeiter empfiehlt, kann wie im Fall AGCS eine Prämie von 2000 Euro bekommen, doch es gibt auch andere Ansätze: „Grundsätzlich kann sich das Unternehmen alles Mögliche ausdenken, vom Mittagessen mit dem Geschäftsführer über einen zusätzlichen Urlaubstag bis zu Spenden für einen guten Zweck “, sagt „talentry“-Chef Hoffmann. Und auch der Fall von Silvia Baust, die nun mit ihrem Schwager zusammenarbeitet, ist beispielhaft: „Ein wichtiger Punkt ist ja auch: Wenn ich Leute in meinem persönlichen Netzwerk werbe, kann ich auch meinen Kollegenkreis mitbestimmen und bald vielleicht mit meinen Freunden zusammenarbeiten“, sagt Hoffmann.

Bewerber müssen dann nur noch ihr persönliches Netzwerk pflegen, damit interessante Stellenangebote sie erreichen – statt endlos Zeit mit mühsamem Suchen in Jobportalen zu verbringen. Außerdem können die Kandidaten sich auf ein relativ gutes Betriebsklima einstellen, „denn es werden nur Mitarbeiter, die sehr gern bei dem Unternehmen arbeiten und sich dort wohlfühlen, Freunde werben“, so Hoffmann.

Kritiker befürchten Klüngelbildung durch die Mitarbeiterempfehlung

Auch Silvia Baust hat als Bewerberin nur gute Erfahrungen mit dem Programm gemacht: „Der Vorteil ist auch der, dass ich meinem Schwager schon eine paar Fragen über das Unternehmen und die offene Position stellen konnte und auch, wie er meine Qualifikation und Chancen für die Stelle so einschätzt “, sagt sie. In der Studie von Softgarden bewerten dementsprechend 74 Prozent das Instrument der Mitarbeiterempfehlung grundsätzlich als positiv, nur ein kleiner Teil lehnt sie ab: „Kritiker unter den Bewerbern führen das Risiko der Klüngelbildung oder den subjektiven Charakter der Empfehlungen an, die aus ihrer Sicht eher auf Sympathie als auf der Einschätzung von Fachkenntnissen beruhen“, heißt es in der Studie. Außerdem wird befürchtet, dass Bewerber ohne Beziehungen benachteiligt werden: „Neulinge sollten die gleiche Chance auf eine Stelle haben. Diese ist durch Mitarbeiterempfehlungen reduziert, die im Prinzip ‚Vitamin B‘ darstellen“, gab ein Studien-Teilnehmer an.

Silvia Baust teilt diese Bedenken nicht, schließlich ist sie auch nicht durch Beziehungen, sondern durch ein Familienmitglied empfohlen worden. „Ich habe da nie negatives Feedback bekommen oder gehört, dass ich durch ‚Vitamin B’ reingekommen wäre. Ich habe den gleichen Bewerbungsprozess wie andere durchlaufen und muss auch meine Fachkenntnisse nachweisen. Letztlich entscheiden die Ausbildung, die Berufserfahrung und die Softskills und das würde sich spätestens nach der Probezeit zeigen“, sagt sie. Erst dann bekommt ja auch der Empfehlende das Geld. „Ich würde auch niemanden empfehlen, der mir selbst als ungeeignet für den Job erscheint: Das würde negativ auf mich zurückfallen.“

Text: Maria Zeitler


 


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