Bewerbung vom Ghostwriter: Wie sinnvoll ist das?

Bewerbung vom Ghostwriter?

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Warum viel Zeit mit dem Verfassen der Bewerbung vergeuden, wenn man die Arbeit einem Ghostwriter überlassen kann? Aber ist das der richtige Weg zum Wunschjob? Hier sind die wichtigsten Pro- und Kontra-Argumente.

Fehlen Ihnen die Worte? Wissen Sie nicht, wie Sie sich auf dem Papier ins rechte Licht rücken sollen? Keine Frage, Bewerbungen schreiben ist ein Kraftakt. Schnell wächst der Wunsch, einen professionellen Bewerbungsschreiber zu engagieren, auch „Ghostwriter“ genannt. Und tatsächlich gibt es einige Argumente, die für diesen Service sprechen. Und einige dagegen.

Pro: Das spricht für einen Ghostwriter

Wertvolle Zeit sparen

„Viele sind beruflich stark eingebunden, daher fehlt ihnen die Zeit, sich intensiv mit ihrer Bewerbung auseinanderzusetzen. Also übernehme ich das“, sagt Till Tauber. Der gelernte Diplom-Ingenieur hat viele Jahre Erfahrung in der Personalführung gesammelt und könne sich gut in Bewerbersituationen hineinversetzen, betont er. Seit fünf Jahren arbeitet Tauber hauptberuflich als professioneller Bewerbungsschreiber. Zu seinen Kunden zählen Verwaltungsfachangestellte und Hausmeister, ebenso wie Unternehmensberater oder Controller. Wer bei dem 36-Jährigen eine komplette Bewerbungsmappe bestellt, zahlt je nach beruflichem Einkommensstatus zwischen 99 und 229 Euro. Inklusive Beratungsleistung auch mal mehr. Lohnt sich das? Tauber findet schon. Während seine Kunden in Ruhe ihrem Alltag nachgehen können, erhalten sie eine „maßgeschneiderte Bewerbung“, die auch langfristig einen Mehrwert bieten soll. Tauber: „Der Bewerber kann auf den Unterlagen aufbauen und sie immer wieder auf andere Stellen anpassen.“

Bewerbungsstandards einhalten

Wer eine hohe berufliche Qualifikation mitbringt, sprachlich jedoch weniger begabt ist, ist beim Ghostwriter an der richtigen Adresse. „Es gibt Menschen, die tun sich mit Rechtschreibung und Grammatik schwer, wären fachlich betrachtet aber ein enormer Gewinn für den Arbeitgeber“, betont Tauber, der mit einer Lektorin zusammenarbeitet und so seinen Kunden das stundenlange Wälzen von Ratgebern und Duden erspart. Wer sich länger nicht beworben hat, oder das erste Mal bewirbt, dem hilft der Ghostwriter hinsichtlich Regeln und Strukturen. „Ich kenne die Feinheiten der Bewerbungsmodalitäten. Wichtig ist zu wissen, dass es keine allgemein gültigen Regeln für eine Bewerbung gibt. Stattdessen entscheide ich immer situativ.“

Die eigenen Stärken erkennen

Ein Ghostwriter kann helfen, die eigenen Stärken besser herauszuarbeiten. „Vielen fällt es schwer, über sich selbst zu schreiben. Sie sind in einem falschen Selbstbild gefangen“, sagt Schreibexperte Tauber. Nach über 2.000 verfassten Bewerbungen habe er ein Bauchgefühl dafür entwickelt, was gut ankommt. „Das heißt natürlich nicht, dass ich die Person perfekt darstelle. Darum geht es nicht. Aber ich rücke sie ins rechte Licht, so dass sich mein Kunde am Ende mit seiner Bewerbung wohl fühlt.“ Jede Bewerbung werde maßgeschneidert und passgenau auf die jeweilige Stelle ausgerichtet. Vorteil: Mit den zu Papier gebrachten Stärken könne der Jobkandidat auch später im Vorstellungsgespräch argumentieren. „Er lernt sich durch meine Arbeit besser kennen. Das schafft Selbstvertrauen“, betont Tauber.

Kontra: Das spricht gegen einen Ghostwriter

Eigene Erfahrungswerte gehen verloren

Keine Frage, eine Bewerbung zu verfassen, ist anstrengend. „Aber die Auseinandersetzung mit der eigenen Person und dem potentiellen zukünftigen Arbeitgeber ist für den Bewerbungsprozess enorm wichtig. Da müssen Sie durch“, sagt Rita Rüssler, Personalleiterin in einem Handelsunternehmen. Die Kölnerin hat sich nebenberuflich als Bewerbungsberaterin selbstständig gemacht. Statt „fremdzuschreiben“ hat sie sich auf die Optimierung und Verbesserung von Bewerbungen spezialisiert. Letztendlich, so sagt sie, müsse nicht der Ghostwriter, sondern der Jobsuchende den Bewerbungsmarathon laufen. „Nur dann gewinnen Sie Selbstvertrauen und verlieren Ihre Unsicherheit, um später auch beim Vorstellungsgespräch besser punkten zu können.“

Authentizität bleibt auf der Strecke

Bewerbern rät Rita Rüssler: „Bleiben Sie authentisch.“ Denn: „Ein Ghostwriter kann vielleicht Inhalte gut darstellen und Sätze formulieren – aber das hat der Bewerber dann keinesfalls verinnerlicht. Dennoch muss er wissen, was er zu bieten hat. Nur dann hat er auch im Vorstellungsgespräch eine Chance“, sagt Rüssler. Auch Andreas Doppler, Leiter Recruiting in der Personalabteilung der Commerzbank AG Inland in Frankfurt, sagt: "Eine Bewerbung ist eine persönliche Visitenkarte, die Ihre eigene Handschrift tragen sollte. Schließlich kennt man sich selbst am besten."

Selbstreflexion findet nicht statt

Andreas Doppler verteufelt Ghostwriter nicht, schließlich sei dieser Service ja nichts Unrechtes. "Schlimmer wäre es, wenn der Kandidat falsche Angaben macht oder Daten fälscht." Doch beim Thema Selbstreflexion rät er: "Beschäftigen Sie sich mit der ausgeschriebenen Stelle und schärfen Sie Ihren Blick auf die eigene Person." Auch der Austausch mit Freunden und Verwandten könne hilfreich sein. Das gilt auch bei Fragen zur Rechtschreibung, oder bei Formulierungsdetails. "Ich würde immer zuerst im persönlichen Umfeld auf Unterstützung zurückgreifen, statt einem fremden Ghostwriter meine Bewerbung zu überlassen. Und es gibt professionelle und gute Coaches, auf die Bewerber zurückgreifen können." Bewerbungshelferin Rita Rüssler zum Beispiel will „rote Wangen“ bei ihren Kunden sehen, wenn sie mit ihnen an den Unterlagen und Formulierungen feilt. Ihr Fazit: „Nur wer sich seiner Fähigkeiten und Qualifikationen absolut bewusst ist, hat vielleicht den Luxus sich einen Ghostwriter zu leisten. Wer aber unsicher ist, muss unbedingt selber durch den Bewerbungsprozess durch und lernen.“

Fazit: „Ein Ghostwriter ist kein K.o.-Kriterium“

Jeder sollte individuell abwägen, ob er einen Ghostwriter engagiert. Ghostwriter Tauber sagt selbst: „Für den einen empfiehlt es sich, für den anderen nicht.“ Laut Lars Malkmus, Leiter Recruiting bei der Continental AG, kommt es vorrangig auf die Kompetenz des Bewerbers an. „Ich empfinde es nicht als K.o.-Kriterium, wenn sich jemand Hilfe beim Ghostwriter holt, um seine Argumente schriftlich zu verdichten. Entscheidend ist, dass keine falschen Informationen in der Bewerbung stehen“, sagt er. Schließlich sei es auch nicht ungewöhnlich, dass auch Freunde oder Verwandte bei der Erstellung der Bewerbung unterstützen. Warum also nicht einen Profi beauftragen? „Wir sortieren jedenfalls niemanden aus, nur weil der Verdacht besteht, dass da nachgeholfen wurde“, so Malkmus. Am Ende müsse sich jeder Bewerber fragen, ob ihm zu viel Hilfe von Dritten nicht am Ende auf die Füße fällt. Denn: „Eine Bewerbung ist ein erster Eindruck, an dem man sich im Bewerbungsverfahren messen lassen muss." Text: Sonja Schmidt
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22.02.2017