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"Jobwelten": Detroit - Alles awesome in Motor City

Detroit Downtown

©Mike Kline / Getty Images

Studium und Jobs in Holland, Italien, Belgien und Deutschland – doch als Eventmanagerin Desiree van Schagen nach Detroit kam, machte sie noch mal ganz neue Erfahrungen.

©Fotos: privat

Ja, vermutlich war ihr schon nach der Schule bereits klar, dass es sie aus den Niederlanden fortziehen wird. Als Desiree van Schagen mit dem Jurastudium in Maastricht begann, nachdem sie vier Monate als Au-pair-Mädchen in England gearbeitet hatte, trat sie dem Netzwerk AEGEE bei. Die europäische Studentenvereinigung fördert den Austausch und Kooperation zwischen jungen Menschen in ganz Europa.

„Diese Idee hat mich schnell begeistert“, erzählt die gebürtige Holländerin. Sie war gerade 19 Jahre alt, als sie schon durch Europa reiste und an Konferenzen teilnahm. In Köln gab es ein Treffen zum Thema Islam und in Budapest über die Erweiterung der EU und so weiter. „Das war super spannend und lehrreich!“

Insgesamt studiert Desiree van Schagen fünf Jahre, und während der gesamten Universitätszeit an der Juristischen Fakultät war sie Mitglied bei der AEGEE, ein Jahr davon im Vorstand. „Das war besonders interessant, denn die Presidents Meetings zweimal im Jahr beispielsweise in Helsinki oder Santander haben mich gestählt und gelehrt, im Team zu arbeiten, flexibel zu sein und vor allem, andere Meinungen zu hören und zu akzeptieren. “Wir konnten so Einiges umsetzen, zum Beispiel Sommerkurse an Universitäten.”

Ein paar Monate hatte sie bereits zwischendrin – über das Erasmus-Programm – auch in Turin studiert. Im Rahmen des Master-Studiums Internationales Recht und Demokratisierung zog es Desiree van Schagen schließlich ganz nach Italien, zuerst nach Venedig, die Abschlussarbeit schrieb sie in Padua. „In Italien habe ich das Essen, die Leute und “La Bella Vita” genossen. Das Leben dort ist chaotisch, aber auch einfach schön. Es gibt alles, was ich liebe: Kunst, Berge, Meer.”

Im Job ging die fröhliche Wanderschaft weiter: Nach einer ersten Stelle beim Technologieunternehmen Pharos in Turin, stieg van Schagen ins Management Trainee Programm der Daimler Chrysler AG ein. Und gleich im Anschluss bot Chrysler ihr eine Stelle als Eventmanagerin in Brüssel – und später in Stuttgart – an. Von 2006 bis 2011 arbeitete sie im europäischen Hauptsitz des Konzerns in Stuttgart und war verantwortlich für alle internationalen Messeauftritte der amerikanischen Automobilmarke.

Schließlich aber wartete das Land, wo sie all ihre Erfahrungen gut gebrauchen konnte, mit ihren Sprachkenntnissen, der internationalen Biographie und ihrer Sicherheit im Umgang mit fremden Kulturen punkten sollte. „Ich bin davon überzeugt, dass mein damaliger Chef in Stuttgart genau deshalb mich gefragt hat, in die USA zu gehen.“ Im Januar 2012 zog sie nach Detroit, mit einem E-2 Visum, eine unternehmensgebundene Arbeitsbewilligung. „Zunächst behielt ich noch meine Wohnung in Stuttgart und bin viel gependelt.“ Doch recht schnell war klar, dass der Arbeitsschwerpunkt in der ehemaligen wichtigsten Industriestadt im hohen Norden der USA sein wird.

„Detroit hat mich sofort fasziniert“

Detroit steckte in tiefen Schwierigkeiten, als van Schagen ihren Job antrat: Im Juli 2013 meldete „Motor City“, so genannt nach ihrer einst ruhmreichen Automobilindustrie, mit 18 Milliarden Dollar Schulden Insolvenz an – es war die größte Pleite einer Kommune in der Geschichte der USA. Doch die Stadt erholte sich mit einer ungeheuren Kraftanstrengung von Bewohnern, Wirtschaft und Politik gleichermaßen. Heute geht es der Metropole im US-Bundesstaat Michigan finanziell wieder besser, als sichtbares Zeichen des Comebacks entsteht in Downtown Detroit (s. Aufmacherbild) derzeit ein knapp 250 Meter hoher, eine Milliarde Dollar teurer Wolkenkratzer der Superlative.

Desiree van Schagen in Detroit

„Diese Stadt hat mich sofort fasziniert“, erzählt Desiree van Schagen. „Es verändert sich so viel hier, von der Untergangsstimmung von vor einigen Jahren ist nicht mehr viel zu spüren. Jede Woche eröffnet ein neues Restaurant oder eine Galerie. Wie oft kann man solche Veränderungen in einer Stadt schon spüren und hautnah miterleben?“

Desiree van Schagen liebt die Flexibilität und Freundlichkeit der Amerikaner. Und doch sei vieles in der Zusammenarbeit für Nordeuropäer ein „kultureller Schock“. Wenn deutsche Unternehmen mit einer Präsentation anfangen und erst einmal gründlich ihr Unternehmen vorstellen, schauen Amerikaner schnell auf die Uhr. „Sie wollen schnell wissen: Hey, das und das sind wir, das könnten wir verkaufen.“ Zack, kommt zur Sache, Kollegen. Doch Deutschen zum Beispiel sei es wichtig, mit wem sie „Business machen“. Sie interessiert, welche Struktur hat das Unternehmen, mit dem ich künftig arbeiten möchte, wie steht es finanziell da?

Auf der anderen Seite schätzt Desiree van Schagen die Risikofreudigkeit der US-Amerikaner. Hier fangen die Menschen häufiger auch mit über 50 Jahren noch einmal etwas Neues an. Eine Bekannte zum Beispiel war Lehrerin und hat mit 50 Jahren ein Studium angefangen. Jetzt arbeitet sie als Psychologin. „Das berühmte ‚hire and fire’ in den USA ist tatsächlich oft üblich. Doch man findet hier auch schneller wieder einen Job.“

Die Arbeitsatmosphäre in US-Firmen ist in der Regel entspannt und der Umgangston locker. „Doch das heißt noch lange nicht, dass wenn Dir jemand sagt: „Hey, nenn‘ mich Tom“, das das erste Schritt zu einer Freundschaft ist.“ Auch wenn der Chef lobt, die Arbeit sei „awesome“, kann hinterher noch kommen, dass das und jenes fehlt. Kritik wird versteckter übermittelt. „Zunächst ist alles awesome und amazing“, sagt Desiree van Schagen und lacht. „Aber man gewöhnt sich an die unverbindliche Art und die Empfindlichkeit bei Kritik.“

Die Leidenschaft für die Welt, die Neugierde auf andere Kulturen ist bei van Schagen auch im Arbeitsalltag nicht kleiner geworden: Über eine japanische Freundin kam die Juristin zu InterNations* – und war dort von Januar 2012 bis Dezember 2014 Ambassador. „Der Verein hat mir viele internationale Freunde gebracht“, sagt. „Mit ihnen habe ich die Stadt erkundet, war mit einigen Skifahren, bei Events wie „Detroit Soup“ oder wir haben uns gemeinsam für Organisationen wie „Handlebars for the Homeless“ engagiert.“

Auch wenn die heute 45-Jährige den Job bei Chrysler aufgeben musste und mittlerweile als Chefin ihrer eigenen Eventagentur wieder in Italien lebt: In die Ferne zu ziehen, war genau die richtige Entscheidung.

Aufgezeichnet von Silja Schriever


Service-Info:

  • Mehr Erlebnisberichte von Deutschen, die im Ausland arbeiten, finden Sie in unserer Serie „Jobwelten“.
  • Alles Wissenswerte rund um das Thema „Arbeiten im Ausland“ haben wir in unserer Serie „Karriere ohne Grenzen“ zusammengestellt.
  • *Die Online-Plattform InterNations ist mit mehr als 2,8 Millionen Mitgliedern in 390 Städten weltweit das größte soziale Netzwerk und Informationsportal für alle, die im Ausland leben. Zahlreiche Informationsmaterialien sowie Veranstaltungen vor Ort bieten Möglichkeiten zum digitalen und persönlichen Austausch mit anderen Expats und weltoffenen Locals.

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