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„Jobwelten“ Japan: Feierabend vor dem Chef? Lieber nicht.

In Tokio arbeiten zu können, ist immer noch der Traum von vielen Deutschen

©Krzysztof Baranowski / Getty Images

Nils Valentin arbeitet in Tokio als IT-Berater. Er profitiert davon, dass selbst die Hightech-Nation Japan auf deutsche Experten und ihre Tugenden setzt. An ein paar Eigenarten des Landes sollte man sich aber gewöhnen. 

Eigentlich wollte Nils Valentin ja nach Mexiko, um dort bei VW zu arbeiten. „Ich mag die lateinamerikanische Mentalität, Asien war mir ganz fremd und nichts zog mich dorthin.“ Doch nach einem Sprachkurs im englischen Cheltenham kam alles anders. Dort traf der studierte Elektrotechniker seine große Liebe: Akiko aus Japan.

Doch von vorn. Nach der Ausbildung als Kommunikationselektriker bei der Bahn hatte der gebürtige Hesse zunächst Elektrotechnik an der Fachhochschule in Kassel und schließlich ab 1992 noch Elektrotechnik mit dem Schwerpunkt Automatisierung in Dresden mit einem Abschluss als Diplom-Ingenieur studiert. „Im Rahmen einer Zusatzausbildung für Projektmanager für multimediale Systeme waren wir dann mit einigen Studenten in England für neun Wochen an der Sprachschule Inlingua“erzählt Valentin. „Ich war dabei – und lernte meine zukünftige Frau kennen.“

Vier Stunden Japanisch-Unterricht pro Tag

Nachdem sie ihn in Dresden besucht hatte, und die Beziehung ernster wurde, zog Valentin ihretwegen nach England. Denn die junge Japanerin hatte dort gerade ihr Floristik-Studium am Writtle College in Chelmsford begonnen. „Ich zog Hals über Kopf nach Großbritannien, denn für mich war es nach dem Studium ein guter Zeitpunkt für eine Veränderung. Ich bin in einem Dorf mit 2000 Einwohnern aufgewachsen und wusste immer, dass ich erst einmal die Welt entdecken möchte.“

In England fand Nils Valentin einen Job bei Tektronix, einem Druckerhersteller. Nach zweieinhalb Jahren wollte sich seine Akiko in ihrer Heimat selbstständig machen – und Valentin zog wieder ohne großes Zögern mit. „Das Image deutscher Ingenieure im Ausland ist nach wie vor gut, es ist relativ einfach, einen Fuß in die Tür zu bekommen.“ Solange man die Sprache spricht.

Arbeiten in Japan Nils Valentin
Nils Valentin (links) mit Freunden in Tokio (©Foto: privat)

Also ging Nils Valentin in Tokio im Jahr 2000 erst einmal wieder zur Schule. „Ein Jahr lang habe ich jeden Morgen vier Stunden lang Japanisch gelernt. Das war nicht gerade einfach, gefühlt sechsmal schwerer als Englisch“, erzählt er. Während er die fremde Sprache paukte, suchte er nach einigen Wochen parallel den ersten Job in Fernost. Nach sechs Monaten fing er bei einem deutsch-schweizerischem Unternehmen an, das Anlagen für die Elektroindustrie herstellt.

„Auch wenn der Hauptsitz des Unternehmens in Europa war, meine Kollegen waren natürlich überwiegend Japaner und die Arbeitswelt zunächst einmal fremd für mich.“ In einer typischen japanischen Firma herrschen viele starre Strukturen und Regeln. „Das musste ich erst einmal lernen. Es geht in diesem Land sehr hierarchisch zu, gewisse Sachen macht nur der Manager.“ In einem Meeting beispielsweise spreche in der Regel nur der Ranghöchste, die anderen sitzen dabei und hören zu.

In Japan gilt es als unhöflich, vor dem Chef Feierabend zu machen

Offiziell beträgt die durchschnittliche Arbeitszeit der Japaner etwa 40 Stunden pro Woche, doch meist wird länger gearbeitet. „Das heißt aber nicht unbedingt mehr Produktivität: Viele Japaner bleiben zwar lange im Büro, sie beschäftigen sich aber auch durchaus auch mit privaten Dingen oder plauschen mal nebenbei. Japanische Arbeitnehmer zeigen durch lange Arbeitstage ihr Engagement, jedoch ist das eher eine Frage der Kultur, weniger der tatsächlichen Belastung“, so Valentin. „Es gilt als unhöflich, vor dem Chef nachhause zu gehen. Viele machen ungefragt Überstunden, wenn der Kollege es auch tut.“ Und ums Karaoke-Singen beim gemeinsamen Feierabend kommen oft auch die ausländischen Mitarbeiter nicht herum. „Wer das nicht mag, hat es nicht ganz leicht hier“, sagt Valentin und lacht.

Und was spricht für das Land des Lächelns als Arbeits- und Lebensmittelpunkt? Verglichen mit anderen Industrieländern, gibt es in dem ostasiatischen Land viel weniger Gewalt, es wird deutlich seltener geraubt, gestohlen oder gemordet. „Hier kann man sein Portemonnaie irgendwo liegen lassen – und die Wahrscheinlichkeit, dass es gestohlen wird, ist extrem gering. Frauen könnten an einer Bushaltestelle übernachten, und nichts passiert“, sagt Valentin. Vielleicht mag es daran liegen, dass Harmonie und Gruppenzugehörigkeit in Japan sehr stark ausgeprägt sind.

Überweisungen können bequem in jedem Laden um die Ecke, auch nach den Öffnungszeiten der Banken, getätigt werden. Sollte man mal eine Rechnung vergessen haben, können so auch die Telefon- und Internetrechnungen bezahlt werden und innerhalb von 30 Minuten ist alles wieder freigeschaltet, vollautomatisch, versteht sich. „Manchmal ist das schon ein bisschen unheimlich, mit welcher Geschwindigkeit und Bequemlichkeit das vor sich geht, früher hat sowas für mich in Deutschland Tage gedauert.“

Natürlich faszinieren ihn als Techniker die vielen, digitalen Annehmlichkeiten, die sein neues Heimatland zu bieten hat: „Zugtickets, Süßigkeiten, Getränke werden mit elektronischen Geld direkt bezahlt: Man muss nur die Karte oder das Handy an der Kasse ablegen, Betrag bestätigen, Klingelzeichen abwarten, fertig.“ Dieser hohe Lebensstandard und das friedliche Umfeld locke viele unterschiedliche Nationalitäten nach Japan, sagt Vatentin, der aufgrund seiner ehrenamtlichen Tätigkeit beim Expat-Netzwerk InterNations* viele in Japan lebende Ausländer unterschiedlichster Nationalitäten kennt. „Alle fühlen sich sicher hier und nehmen das als große Freiheit wahr.“

Nachdem der erste Arbeitgeber in Tokio viele Mitarbeiter entlassen musste, darunter auch Nils Valentin, machte er sich selbstständig und gab Datenbankkurse für Administratoren. „Doch ich habe gemerkt, dass ich an meine Grenzen kam. Das Eine ist, in etwas sehr gut und kenntnisreich zu sein, das andere, anspruchsvolle technische Details didaktisch gut und dazu auch noch in einer Fremdsprache vermitteln zu können.“ Deshalb suchte sich der Deutsche wieder einen Job als Angestellter.

Er fand eine Stelle bei einem „Office Supplies Unternehmen“, zuständig für IT und Telekommunikation. „IT-Experten werden hier überall gebraucht.“ Noch sind die Jobmöglichkeiten für Ausländer in Japan eher begrenzt, weil der Arbeitsmarkt sich nur langsam für Arbeitskräfte aus dem Ausland öffnet. Doch der Trend, besonders bei japanischen Großunternehmen, geht dahin, mehr Ausländer einzustellen* (siehe Infotext unten).

Mit seinen Freunden von InterNations wandert Nils Valentin gern. „Viele japanische Kollegen ziehen es vor, in Kneipen zu gehen oder in Karaoke-Bars. Aber ich finde, man kann sich draussen in der Natur viel besser unterhalten und kennenlernen, wenn man zusammen unterwegs ist.“ Also geht es im Winter mal zum Skifahren und im Sommer den Fujijama hoch. „Die Landschaften in Japan sind phantastisch“, schwärmt Valentin. „Ich jedenfalls bin froh, dass ich den Schritt in dieses ferne Land gewagt habe.“

Aufgezeichnet von Silja Schriever


*Zusatzinfo: Arbeiten in Japan

Arbeiten in Japan ist vor allem bei hoch qualifizierten deutschen Akademikern und Spezialisten zunehmend beliebt. Für Bewerber sind deutsche Unternehmen mit einer Niederlassung oder Tochtergesellschaft in Japan interessant. Die besten Chancen auf eine gute Anstellung in Japan haben IT-Spezialisten, Ingenieure und allgemein technische Experten. Aussichtsreich sind auch Bewerbungen im Finanzsektor sowie in Branchen, die stark exportabhängig sind. Bewerber aus den Bereichen Geistes- und Wirtschaftswissenschaften müssen Spezialkenntnisse beziehungsweise mehrjährige Berufserfahrung vorweisen können. Wer eine solide Anstellung sucht, braucht in den meisten Fällen gute Japanisch-Kenntnisse.

**Über InterNations

Mit fast 3 Millionen Mitgliedern in 390 Städten weltweit ist das Münchner Unternehmen InterNations (https://www.internations.org/) das weltweit größte soziale Netzwerk und Informationsportal für alle, die im Ausland leben und arbeiten. Neben zahlreichen Informationsmaterialien und digitalen Vernetzungsmöglichkeiten bietet InterNations seinen Mitgliedern auch die Gelegenheit zum persönlichen Austausch: Im Rahmen von rund 6.000 monatlichen Veranstaltungen und Freizeitaktivitäten auf der ganzen Welt können die Mitglieder andere Expats und weltoffene Locals kennenlernen. Auf der Webseite informieren Foren, Country Guides von Experten und regelmäßige Beiträge von Gastautoren über das Leben im Ausland. Zur Qualitätssicherung wird jede neue Registrierung bei InterNations individuell geprüft.


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