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Offenheit im Vorstellungsgespräch: Nur keine Angst!

Angst im Vorstellungsgespräch sollte man schnell abschütteln

© Foto: Simon Potter / Getty Images

Viele Bewerber haben Angst, ihrem potentiellen Arbeitgeber im Vorstellungsgespräch offen zu sagen, was ihnen an einem Job gefällt und was sie von ihrem Vorgesetzten erwarten. Waltraud Berle, die als Coach viele Jobsuchende berät, hält das für völlig falsch und erzählt uns im Interview von ihren Erfahrungen als Life-Coach.

Bewerbung.com: Frau Dr. Berle, wie häufig haben Sie mit ängstlichen Bewerbern zu tun?

Waltraud Berle: Die meisten meiner Klienten sind im oberen oder mittleren Management bzw. als selbständige Unternehmer tätig und haben damit keine Schwierigkeiten mehr. Ängste in Vorstellungsgesprächen sind eher ein Anfängerproblem: Jüngere Bewerber, die wegen Unzufriedenheit im Job zu mir kommen, haben oft einfach Bammel davor, groß zu denken.

Wie erklären Sie sich diese Angst davor, zu den eigenen Wünschen zu stehen?

Berle: Die Leute haben Kleinmut und Hyperkorrektismus in der Schule gelernt und die Köpfe sind voll von ‚guten Ratschlägen‘ à la ‚so bewerben Sie sich richtig‘. Oder ‚Warum Sie auf diese Frage so antworten sollten‘. Oder ‚Wie Sie auf die fieseste Bewerbungsfrage richtig antworten und was Sie auf keinen Fall antworten dürfen‘. Die Leute denken, sie müssten sich anpassen und alle möglichen Regeln befolgen, hinter denen sie als Individuum verloren gehen.

Schwimmen Bewerber heute mehr mit der Masse als früher?

Berle: Ja, ich denke, da wirken sich die 68er aus, die mit einem eschatologischen Weltbild an das Leben und die Menschen herangehen. Sie streben mit aller Kraft einen paradiesischen Zustand an, der auf der Idee beruht, dass alle Menschen auf dieser Welt gleich sind oder – wenn sie es nicht sind – gleich gemacht werden müssen. Als ich studiert habe, war allen klar: Wenn du etwas erreichen willst, musst du das Genie raushängen lassen und zeigen, was du im Unterschied zu allen anderen viel besser kannst. Heute denken die Leute: „Eigentlich will ich XY machen, aber das ist sinnlos. Wenn mich eine Personalerin im Assessment Center aggressiv macht, muss ich meine Empörung also beherrschen, brav sein und freundlich lächeln.“

Aber in dieser Situation wäre es doch tatsächlich kontraproduktiv, den eigenen Gefühlen Ausdruck zu verleihen?

Berle: Natürlich. Aber wahrscheinlich war das ohnehin nicht der Job, den man machen möchte. Meine Philosophie ist: „Alles, was ich gegen meine Natur, meine Persönlichkeit, meine eigentliche Begabung mache, raubt mir die Lebensfreude und auf lange Sicht alle Kraft.“ Das Kuschen unter angebliche Richtig/Falsch-Gesetze im großen Schwarm macht Menschen über kurz oder lang furchtbar unglücklich, weil sie nicht nur von Anfang an das Falsche studieren (das ‚objektiv‘ Richtige, nicht das individuell Passende), sondern weil sie dann im Job merken, wie weh das der Seele tut, wenn man mehr und mehr an sich, den eigenen Vorlieben, den eigenen Stärken und Fähigkeiten vorbeilebt. So kommen Talente nicht auf die Straße und die Leute lassen sich in Depression hineinreden und nehmen Pillen gegen den Burnout.

Aber wenn Menschen auf anderem Wege einfach keine Stelle finden, macht sie das doch auch unglücklich?

Berle: Genau das ist die Befürchtung: Wenn ich mich nicht an den Mainstream anpasse, wenn ich nicht alles genau richtig mache, dann finde ich nichts und dann gibt es für mich kein Glück. Ähnliche Denkweisen finden sie auch bei der Partnersuche. Da stellen die Leute geschönte Bilder von sich ins Netz und schreiben Dinge, die den angenommenen Erwartungen des Gegenübers entsprechen sollen anstatt ihren eigenen Bedürfnissen. Doch das ist einfach falsch. Denn so bekommt man – wenn überhaupt – den falschen Partner bzw. den falschen Job. Man muss sich stattdessen überlegen: Was zeichnet mich aus? Wohin will ich wirklich in meinem Leben? Und wen brauche ich dafür, was hätte ich gerne zum Glück für einen Beruf.

Bewerber sollen also nicht als Bittsteller auftreten, sondern Forderungen stellen?

Berle: Ja richtig, man muss klar sein. Man muss sich bei der Bewerbung wie ein Marktteilnehmer verhalten. Bewerber sind Menschen, die Kenntnisse in einem bestimmten Bereich besitzen und diese an Menschen verkaufen möchten, die diese Kenntnisse für ihre Firma brauchen. Dafür braucht es einen gewissen Stolz, Ehrlichkeit und den Mut, zu kommunizieren, was man kann und was man dafür möchte.

Können Bewerber wirklich alles offen und ehrlich sagen, gibt es im Vorstellungsgespräch keine Tabus?

Berle: Natürlich müssen Bewerber etwas auf dem Kasten haben und bestimmte Gepflogenheiten und Höflichkeitsformen einhalten. Dann gibt es überhaupt keine Tabus. Bewerber sollten keine Show machen, sondern immer ehrlich und authentisch sein. Dafür muss man sich zunächst selbst Klarheit verschaffen, was man tun will, was man kann, was einen freut, wo man richtig performen und Leistung bringen kann. Das fängt schon nach dem Abitur an, wo man nicht einfach Jura oder Kommunikationswissenschaften studieren sollte, nur weil die Anderen das auch alle machen. Dann rate ich den Leuten immer, selbst eine für sie optimale fiktive Stellenanzeige zu schreiben und sich zu überlegen, wer der Traumarbeitgeber wäre. Auch den eigenen Marktwert sollte man klar beziffern können. Und dann geht es im Vorstellungsgespräch darum, zu schauen, wie hoch die Passung ist. Fragen nach der Probezeit oder nach dem Urlaub sind nicht das Entscheidende und gehören zum letzten Teil der Vertragsverhandlung. Aber ich hatte auch schon eine Klientin, die vor dem Jobantritt erstmal drei Wochen mit dem Motorrad durch die Welt touren wollte. Der Chef fand sie interessant, gerade weil sie so eigenwillig war. Und sie bekam die Festanstellung übrigens.

Erzählen Sie uns noch von anderen Ihrer Mandanten?

Berle: Gerne. Ein junger Klient von mir, der in einem naturwissenschaftlichen Studium promoviert hatte, forderte im Vorstellungsgespräch als Berufsanfänger 80.000 Euro Einstiegsgehalt pro Jahr. Sein Gegenüber, erzählte er mir, stutzte daraufhin kurz und teilte ihm zum Ende des Gesprächs mit, dass drei Monate später eine neue Stelle geschaffen werde, die zu seinen Fähigkeiten und seinen Gehaltsvorstellungen passe. Die hat er auch wirklich bekommen.
Eine andere Mandantin, eine promovierte Psychologin, war nach ihrem Vorstellungsgespräch empört, weil Status-Absprachen dann nicht im Vertragsentwurf enthalten waren: Sie wollte nicht als Consultant, sondern als Senior Consultant betitelt werden. Sie überwand sich und teilte das ihrem Chef mit. Ich hatte ihr gesagt: „Was würden Sie tun, wenn Sie keine Angst hätten und alles erlaubt wäre?“ Eine Frage, die man sich viel öfter stellen sollte! Der Chef verstand ihre Argumente und passte den Arbeitsvertrag an ihre Wünsche an – obwohl das den Konventionen im Unternehmen widersprach. Man muss den eigenen Standpunkt definieren und von dort aus ergebnisorientiert agieren. Ziel sollte es sein, Spaß bei der Arbeit zu haben und dafür auch noch gutes Geld zu bekommen.

Das Interview führte Janna Degener-Storr


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