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Speed-Recruiting: Job (fast) auf den ersten Blick

Speed-Recruiting Event

©Alle Fotos: Steven Hille / STELL-MICH-EIN

Beim Speed-Recruiting-Event „STELL-MICH-EIN“ treffen 30 Bewerber auf zehn Agenturen aus der Werbe- und Medienbranche. In Drei-Minuten-Gesprächen pitchen die Kandidaten um einen Job – mit einer beeindruckenden Einstellungsquote von 70 Prozent.

Ein Sommerabend in Hamburg. In einem Hostel der Hansestadt haben sich 30 Hochschulabsolventen und Young Professionals zu einem ganz besonderen Date eingefunden: Sie sind auf der Suche nach einem Job. Und dies bitte mit Tempo. Auf der anderen Seite der aufgebauten Tische verfolgen jeweils zwei bis drei Vertreter von insgesamt zehn Hamburger Werbe- und Medienagenturen ein ähnliches Ziel: Möglichst schnell möglichst viele Bewerber kennenlernen – und die besten von ihnen für sich begeistern.

Speed-Recruiting als Partnersuche für die Agenturbranche

Die Mechanismen, die beim Speed-Recruiting-Event STELL-MICH-EIN“ wirken, sind die gleichen wie beim Speed-Dating: Blickkontakt, ein fester Händedruck und ein zwangloses Gespräch, um ein Gefühl füreinander zu entwickeln. Wenn die Glocke läutet, wird aber nicht Tinder-mäßig geswiped oder gewischt – die Bewerber rücken freiwillig auf zum nächsten Tisch und drücken den Reset-Knopf. Sie pitchen in einer der vier Kategorien Text, Social Media, Design oder Beratung. Die drei Minuten können auf beiden Seiten mal viel zu schnell vorbei sein, mal zu lang dauern. Und am Ende gibt es ein paar Gesichter, Namen und Jobs, die im Kopf bleiben.

Speed-Recruiting-Event "STELL MICH EIN"
Speed-Recruiting-Event „STELL MICH EIN“ in Hamburg: „Drei Minuten reichen aus für den personal Fit.“

„Wirklich viel Akquise auf Agenturseite müssen wir nicht betreiben“, so Friederike Bernd, Angestellte der SCM School for Communication and Management. Und auch auf der Bewerberseite mangelt es nicht an Nachfrage: 500 Bewerbungen und insgesamt 120 Teilnehmer in vier Städten. „Das Format ist so erfolgreich, dass es seit kurzem zwei Mal jährlich stattfindet“, berichtet Steven Hille, der Initiator des Event-Formats.

Tatsächlich wirbt „STELL-MICH-EIN“ mit einer beeindruckenden Zahl: 70 Prozent aller Teilnehmer fänden direkt bei oder kurz nach dem Event einen Job. „Wir übernehmen die Akquise und Auswahl der Teilnehmer in einem mehrstufigen Prozess, können so eine Qualität der Bewerber garantieren und leisten damit die Vorarbeit“, erklärt Hille. Nach der Online-Bewerbung erfolgt die Teilnehmerauswahl in einem Team mit Hilfe eines Bewertungsbogens, in dem die Qualität der Antworten im Schulnoten-Prinzip festgehalten wird. So werden die Menschen mit den smartesten Antworten als die besten Format-Teilnehmer ermittelt.

„STELL-MICH-EIN“ ist moderner Vermittler zwischen Angebot und Nachfrage

Auf die Frage nach dem Geheimnis des Formates, sagt Hille, es sei eine Wundertüte aus mehreren Vorteilen. Die für die Kommunikationsbranche passenden Bewerber werden durch entsprechendes Persona-Targeting auf Facebook angesprochen. So wie auch Kandidat Manuel Schnabel, 33, Master-Student der Medienwissenschaften. Schnabel ist über die Werbeanzeige in seiner Hochschul-Facebook-Gruppe aufmerksam geworden und bewarb sich ziemlich spontan. Er findet es eine gute Übung, sich in nur drei Minuten zu präsentieren: „Sich kurz zu halten ist eine Kompetenz.“ Auch Ben Erben von „MUTABOR“ findet: „Drei Minuten reichen aus für den personal Fit. Diese drei Minuten sind sehr wertvoll und funktionieren auch gut.“

Ein weiterer Vorteil ist die enorme Zeitersparnis, besonders auf der Agenturseite: Schließlich werden 30 Gespräche in nur zweieinhalb statt in 30 Stunden geführt. Alle sind sich an diesem Abend einig: Drei Minuten reichen für den ersten Eindruck, um herauszufinden ob die Chemie stimmt. Ungefähr eine Woche danach raten die Initiatoren des Events zu einem Nachfassen auf beiden Seiten. Gute Bewerber sind sonst schon weg. Auch wenn nach drei Minuten keiner eingestellt wird, folgt oft eine Einladung zu einem klassischen Bewerbungsgespräch.  Drei bis vier Wochen nach dem Event holt sich der Format-Initiator bei den Agenturen Feedback ein. „Pro Agentur werden im Schnitt ein bis drei Leute eingestellt“, sagt Hille. Wie lange sie bleiben und als was sie eingestellt werden, wird nicht nachgehalten.

Oktay Yaldiz, Director des Account Managements bei der Hamburger AgenturK16 hatte an diesem Abend sein erstes Speed-Dating. Der Content-Stratege der Agentur möchte neue Mitarbeiter einstellen und hat “STELL-MICH-EIN“ entdeckt. Yaldiz und sein Kollege (s. Aufmacherbild) haben keine großen Erwartungen, wollen sehen, wie es läuft und finden das Ergebnis spannend. „Ich fand es überraschend zu sehen, wie unterschiedlich Design-Studenten auf Design reagieren. Welche Perspektive sie auf die Themen haben“, verrät Oktay. Eine zentrale Frage, die er den Bewerbern stellt, ist: „Wie inspirierst du dich, also woher bekommst du Inspiration?“ Die Antworten fallen so unterschiedlich aus wie die Bewerber auf der anderen Seite des Speed-Recruiting-Tisches. Die Kandidaten inspirieren sich über Musik, Pinterest oder einer, über „Strukturen, die ihm auf der Straße begegnen.“ Die überraschendste Antwort für Yaldiz war: „Ich inspiriere mich bei Techno-Musik“, woraufhin er prompt entgegnet: „Sing mal.“ Das nächste, was die beiden Vertreter der Agentur zu Ohren bekommen, ist ein „Ums ums ums“. So viel Mut finden sie cool.

Interview beim Speed-Recruiting
Interview beim Speed-Recruiting: „Wenn es passt, dann schnappen wir zu.“

Welche Skills sind für Agenturen am wichtigsten?

„Man merkt, wie gut die Leute vorbereitet sind. Also es ist schon hilfreich, wenn Bewerber wissen und schon einmal geübt haben, was man in drei Minuten erzählen kann. Denn manche fangen an und erzählen ein Projekt bis in die Tiefe – dann bekommt man keinen guten Überblick. Andere sind doch schon sehr strukturiert und wir erhalten einen super Eindruck“, offenbart Verena Laetsch, Personalexpertin be„MUTABOR. Und Laetsch verrät auch, was sie sich unter einem gut vorbereiteten Kandidaten vorstellt.

  • Eine kurze Selbstpräsentation: Wer bin ich, was mache ich und was suche ich. „Die Information sind für mich ganz wichtig zur Einordnung, um als Personaler mögliche Themenbereiche sowie freie Vakanzen abzuklopfen“, so Laetsch. Neben einer guten Vorbereitung des Elevator Pitches ist es ebenso relevant, zu wissen, wohin die berufliche Reise gehen soll.
  • Die Präsentation der Arbeiten: Lieber weniger und dafür auch klar. Es ist wichtig, dass deutlich wird, was mein Stil ist, was ich gut kann und was ich machen möchte. Die Arbeiten sollen die Antworten auf die Fragen sein, die man am Anfang gestellt hat.

Michel Foertsch, Senior Art Director der Werbeagentur thjnk berichtet von seinen Erfahrungen auf einem anderen Recruiting-Event. Nachdem sich ihm dort ein Kandidat in zehn langen Minuten vorstellte, war er selbst total verwirrt: „Leider wusste man gar nicht, wie man das einordnen soll, was der Kandidat jetzt machen möchte – und er wusste es auch selbst nicht so genau. Heute allerdings hat alles sehr viel Sinn ergeben und das ist schon einmal sehr gut.“ Und es gibt mindestens eine Kandidatin für “thjnk“, die nach dem Event in Frage kommt. Unabhängig von ausgeschriebenen Vakanzen lautet das Agentur-Einstellungscredo: „Wenn es passt, dann schnappen wir zu.“

Wie in der Liebe passen manchmal trotz des persönlichen Matches die äußeren Umstände nicht optimal zusammen. Die Erfahrung zeigt, bei gegenseitiger Sympathie hält man gerne Kontakt über XING oder LinkedIn. Und so gut kann Networking funktionieren: Steven Hille erzählt von einem Bewerber, der im Januar an dem Event teilnahm und erst sechs Monate später frei für einen neuen Job war, den er durch das Speed-Recruiting fand. „Es lohnt sich auch, wenn man für später sucht“, so Hille. „Als Einstieg in die Branche“.

Eine Reportage von Anna-Carina Kruse


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