Richtungswechsel: Muss es immer die Umschulung sein?

Junge Frau mit Pflanze in der Hand schüttelt Hand von einem Mann. © Hero Images / Getty Images

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Eine berufliche Neuorientierung ist heutzutage nichts Ungewöhnliches. Mal handelt es sich um eine freiwillige Entscheidung, mal um eine Notlösung – vielleicht aus gesundheitlichen Gründen. So oder so ist eine Umschulung dafür nicht die einzige Möglichkeit.

Keine Frage: Eine Umschulung ist ein hervorragender Weg, um sich beruflich neu zu orientieren. Sie ermöglicht den Einstieg in ganz neue Berufsbilder und Branchen. Allerdings bedeutet sie auch eine große Veränderung im Leben, beispielsweise in finanzieller Hinsicht. Nicht jeder kann oder will solch drastische Maßnahmen ergreifen. Denn eine Umschulung geht in der Regel mit finanziellen Einbußen einher, ebenso wie mit einer großen Unsicherheit, ob Du anschließend den gewünschten Traumjob erhältst. Wer beispielsweise große finanzielle Verpflichtungen besitzt oder bereits ein gewisses Lebensalter erreicht hat, schreckt daher nicht selten vor einer Umschulung zurück. Manchmal gilt es dann, einfach ins kalte Wasser zu springen. Aber manchmal gibt es tatsächlich eine bessere Lösung…

Die Gründe für den Richtungswechsel analysieren

Bevor Du Dich vorschnell für eine Umschulung entscheidest, ist es wichtig, Deine Beweggründe für den Wunsch nach einer Veränderung zu verstehen. Manchmal zwingen Dich äußere Umstände zu einer beruflichen Neuorientierung, weil Du Deinen Job vielleicht aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben kannst oder dieser in Zukunft durch Künstliche Intelligenz ersetzt wird. Ein anderes Mal sind es individuelle Gründe wie Unzufriedenheit, die diesen Wunsch wecken. In letzterem Fall solltest Du genau hinsehen und Dich fragen: Wird die berufliche Umorientierung tatsächlich die gewünschte Verbesserung bringen? Und gibt es keinen anderen Weg, um (wieder) zufrieden zu sein – vielleicht durch kleinere Veränderungen? Eventuell reicht es schon aus, einen internen Stellenwechsel vorzunehmen oder den Arbeitgeber zu wechseln. Je genauer Du weißt, weshalb Du eine berufliche Veränderung brauchst und in welcher Form, desto zielgerichteter kannst Du nach einer Lösung suchen. Denn eine Umschulung ist dabei nur eine von vielen Möglichkeiten.

Ziele definieren und einen „Fahrplan“ entwerfen 

Nachdem Du weißt, was Du in Zukunft nicht mehr möchtest und warum, kannst Du einen Alternativplan entwickeln. Frage Dich, wie Dein Traumjob aussehen würde und definiere konkrete Ziele, was Du wann erreichen möchtest. Methoden wie die SMART-Formel helfen Dir dabei. Wichtig ist, ein realistisches Konzept zu entwickeln, wie Dein zukünftiges Berufsleben aussehen soll. Falls Du Dir unsicher bist oder eine komplette Neuorientierung erwägst, lohnt es sich, diesen potenziellen Traumjob erst einmal auszuprobieren. Unterhalte Dich mit Personen aus der Branche oder vereinbare einen Probearbeitstag – solche und ähnliche Maßnahmen helfen Dir dabei, Deine Erwartungen mit der Realität abzugleichen. Wenn Du nämlich einen so großen Schritt wie eine Umschulung wagst, solltest Du sicher sein, dass Du mit dem neuen Beruf tatsächlich glücklich(er) bist. 

Auch deshalb kann es sich lohnen, erst einmal mit geringfügigen Veränderungen zu beginnen und das Risiko dadurch zu reduzieren. Es ist also vollkommen in Ordnung, ja sogar sinnvoll, Dich in kleinen Schritten an Deine neue Arbeitssituation heranzutasten. Dafür solltest Du zumindest einen groben „Fahrplan“ entwerfen, welche Schritte Du jeweils gehen möchtest, um Deine Ziele zu erreichen.

Zweigleisig fahren – solange es möglich ist

Nun beginnst Du, diesen „Fahrplan“ in die Tat umzusetzen. In vielen Fällen musst Du dafür nicht direkt die Kündigung zücken. Suche beispielsweise das Vieraugengespräch mit Deinen Vorgesetzten, um über akute Probleme oder eine Gehaltserhöhung zu sprechen. Bewirb Dich auf interne Vakanzen. Begib Dich nebenbei auf die Suche nach einem neuen Job, der eher zu Deinen Vorstellungen passt. Oder absolviere eine Weiterbildung, die Dich näher an Deinen zukünftigen Traumjob bringt. Sogar eine Umschulung kannst Du in vielen Fällen erst einmal in Teilzeit beginnen, ohne direkt Dein sicheres Arbeitsverhältnis aufgeben zu müssen. Selbiges gilt für eine nebenberufliche Selbständigkeit. Prüfe daher, ob Du für eine gewisse Zeit lang zweigleisig fahren kannst, bis Du genau weißt, wie es beruflich für Dich weitergeht und dass alle dafür notwendigen Voraussetzungen geschaffen sind – beispielsweise in finanzieller Hinsicht oder bei den geforderten Qualifikationen.

Möglichkeiten für eine berufliche Veränderung prüfen 

Selbst, wenn Du manchmal den Wunsch hast, Deinen Job sofort an den Nagel zu hängen, wie man so schön sagt, solltest Du also vernünftig vorgehen. Prüfe, welche Möglichkeiten sich in Deinem individuellen Fall für eine berufliche Veränderung bieten. Ist eine Umschulung wirklich die einzige und zugleich sinnvollste Option? Wie vorab erwähnt, gibt es noch zahlreiche andere Wege, um eine kleinere oder größere Veränderung im Job zu erreichen: Verhandlungen mit dem Arbeitgeber, interne oder externe Stellenwechsel, Sprung in die Selbständigkeit, Weiterbildungen, Wechsel der Fachlaufbahn, Übernahme neuer Verantwortungsbereiche…damit ist die Liste noch lange nicht zu Ende.

Jede Situation muss im Einzelfall betrachtet werden, dann findest Du gewiss eine Variante, die Dir den gewünschten Berufsweg eröffnet, sei es mit oder ohne Umschulung. Diese Überlegungen kannst Du mit Deiner Familie und weiteren Personen teilen, die gegebenenfalls von Deiner Entscheidung betroffen sind. Sie werden Dir neue Denkanstöße geben und vielleicht sogar unerwartete Chancen eröffnen.

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Gespräch mit dem Arbeitgeber – ja oder nein?

Auch mit Deinem aktuellen Arbeitgeber kannst Du sprechen, um den Wunsch nach einer beruflichen Veränderung zu äußern und die internen Möglichkeiten zu prüfen. Vielleicht wirst Du vom Unternehmen ja aktiv in die gewünschte Richtung gefördert. Allerdings ist bei diesem Gespräch Fingerspitzengefühl gefragt, um eine konstruktive Lösung zu finden und das Arbeitsverhältnis nicht zu vergiften. Drohungen, Vorwürfe & Co sind daher niemals eine gute Wahl. Stattdessen gilt es, auf Augenhöhe zu kommunizieren und Deine Ziele klar zu äußern. Bist Du hingegen sicher, dass Du das Unternehmen verlassen möchtest, solltest Du erst kündigen, wenn Du einen „Plan B“ hast. Dabei kann es sich auch um eine Auszeit handeln, um Dich in Ruhe neu zu orientieren, sofern die finanziellen Fragen geklärt sind. Jeder kann und sollte also seinen individuellen Weg finden. Stichwort: Fahrplan.

Fazit

Es gibt viele Wege, die Dir einen beruflichen Richtungswechsel ermöglichen. Eine Umschulung ist dafür nicht prinzipiell die richtige oder falsche Entscheidung. Stattdessen ist höchst individuell, weshalb Du Dir die Veränderung wünschst und welche Ziele Du damit verfolgst. Sobald Du diese Fragen für Dich geklärt hast, kannst Du konkrete Lösungen suchen und andere Personen einbeziehen. Dann wird sich eine Möglichkeit finden, wie Du früher oder später in Deinem neuen Traumjob landest, ohne alles riskieren oder zu viel aufgeben zu müssen. Du kannst sozusagen zuerst den großen Zeh ins Wasser hängen, anstatt direkt in die Umschulung zu springen.

14.10.2022