Psychologie in Bewerbungssituationen (I): Gewinnen Sie beim ersten Eindruck

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Der Erfolg einer Jobsuche ist auch davon abhängig, ob die "Chemie" zwischen Bewerber und Arbeitgeber stimmt. In unser neuen Serie "Psychologie in Bewerbungssituationen" zeigen wir Mechanismen und Tricks, die Ihnen entscheidend helfen können. 

Wussten Sie, dass bereits die ersten Sekunden während des Vorstellungsgesprächs entscheidend dazu beitragen, ob Sie den gewünschten Job erhalten oder nicht? Denn bei der Urteilsbildung in Bewerbungssituationen spielen unbewusste Wahrnehmungseffekte eine große Rolle. Diese aus der Psychologie bekannten Effekte können dazu führen, dass Sie von den Verantwortlichen im Vorstellungsgespräch anders und möglicherweise falsch eingeschätzt werden – mit der Konsequenz, dass Sie kein Jobangebot erhalten.

Macht Ihnen die Psychologie einen Strich durch die (Job-)Rechnung?

Bereits während der Begrüßung und des Smalltalks bilden sich viele Menschen eine Meinung über ihr Gegenüber. Nach dem Stereotypen-Modell der amerikanischen Psychologin Susan Fiske werden Sie im Bruchteil einer Sekunde automatisch einer der folgenden Personengruppen zugeordnet:
  1. Sympathisch und kompetent
  2. Sympathisch und inkompetent
  3. Unsympathisch und kompetent
  4. Unsympathisch und inkompetent
Natürlich möchten Sie der ersten Gruppe angehören. Wer also im Vorstellungsgespräch punkten will, muss nicht nur über stellenrelevante Fachkompetenz verfügen. Sensibilität für die ungesagten Dinge (Körpersprache, eigene Kleidungswahl) sowie das Ausnutzen möglicher Wahrnehmungseffekte für die eigenen Zwecke gehören ebenso dazu. Unsere Tabelle zeigt, welche dieser Effekte bei einem Vorstellungsgespräch bei Ihrem Gegenüber eintreten können und wie Sie diese positiv für sich nutzen.

1. Der Halo-Effekt ("Heiligenschein")

  • Erläuterung:  Aufgrund eines herausstechenden äußerlichen Merkmals (z.B. Brille, Figur) oder einer dominanten Eigenschaft (z.B. Freundlichkeit, Arroganz) wird automatisch auf andere Eigenschaften einer Person geschlossen.
  • Beispiele: + Brillenträger werden meist als intelligenter eingeschätzt. + Einer fülligen Person wird eher Faulheit zugesprochen. + Eine freundliche Person wird gleichzeitig auch als zuverlässiger wahrgenommen.
  • Was können Sie tun: Welches äußere Merkmal oder welche Ihrer Eigenschaften soll alle anderen überragen? Finden Sie heraus, für welche Werte das Unternehmen steht und verhalten Sie sich entsprechend. Tragen Sie ein Kleidungsaccessoire im Corporate Design des Unternehmens.

2. Der Primär-Effekt

  • Erläuterung: Hieran zeigt sich, wie wichtig der erste Eindruck ist, denn die erste (unbewusste) positive oder negative Einschätzung einer Person wird am intensivsten abgespeichert. Andere Eigenschaften werden nicht mehr wahrgenommen oder übersehen.
  • Beispiele: + Wer bei der Begrüßung lächelt, bleibt stärker im Gedächtnis. + Zeigt sich eine als egoistisch eingeschätzte Person im weiteren Verlauf durchweg freundlich und hilfsbereit, wird dies eher als Einschmeicheln bewertet.
  • Was können Sie tun? Bereits die Ankunft im Unternehmen zählt. Lächeln Sie, seien sie freundlich. Seien Sie nicht zu offensiv. Lassen Sie Ihr Gegenüber das Gespräch eröffnen.

3. Der Rezenz-Effekt

  • Erläuterung: Jüngere, d.h. später eingehende, Informationen bleiben stärker in Erinnerung.
  • Beispiel: Was eine Person am Ende des Jobinterviews sagt, wird stärker erinnert, als eine Aussage vom Anfang.
  • Was können Sie tun?  Häufig werden Sie am Ende eines Jobinterviews gefragt, ob Sie noch etwas ergänzen wollen. Nutzen Sie die Gelegenheit, um noch einmal kurz und knapp zusammenzufassen, warum Sie in diesem Unternehmen arbeiten wollen und weshalb Sie dafür der/die Richtige sind.

4. Sympathie-Fehler

  • Erläuterung: Personen, die sympathisch erscheinen, werden automatisch besser beurteilt, als Personen, die man unsympathisch findet.
  • Beispiel: Wer im Jobinterview als sympathisch eingeschätzt wird, dem werden Fehler bzw. Wissenslücken eher entschuldigt.
  • Was können Sie tun? Die Sympathie Ihnen gegenüber können Sie kaum beeinflussen. Dies entscheidet sich in Sekunden. Seien Sie höflich, freundlich, unterbrechen Sie Ihre Gesprächspartner nicht. Viel mehr können Sie nicht tun.

5. Ähnlichkeits-Fehler

  • Erläuterung: Wer zu einer anderen Person Ähnlichkeiten wahrnimmt (z.B. äußerlich, Werdegang, Hobbies), wird diese häufig besser beurteilen und sympathischer einschätzen.
  • Beispiel: Hat das Gegenüber an der gleichen Universität studiert, wie man selbst, so wird man ihm häufiger eine höhere Kompetenz zusprechen, als anderen Personen.
  • Was können Sie tun? Falls Sie im Interview eine Ähnlichkeit zu einem Ihrer Gesprächspartner feststellen, dann nehmen Sie an geeigneter Stelle im Gespräch dazu Bezug. Übertreiben Sie jedoch nicht.

6. Selektive Wahrnehmung

  • Erläuterung: Unbewusst liegt der Fokus auf einer ganz bestimmten Eigenschaft, Leistung oder einem speziellen Merkmal. Alle anderen Eindrücke werden größtenteils ignoriert bzw. übersehen.
  • Beispiel: Wer glaubt, eine Person passt nicht ins Team, wird unbewusst nur die Informationen wahrnehmen, die diese Einschätzung bestätigen.
  • Was können Sie tun? Außer einem Gespür dafür, ob Ihr Gegenüber Sie richtig versteht, haben Sie nicht viel in der Hand. Aber Vorsicht! Sie sollten natürlich nicht sagen „Sie schätzen mich falsch ein“, sondern eher indirekt darauf Bezug nehmen und andere Eigenschaften bzw. Leistungen stärker in den Fokus stellen.

Fallen also Entscheidungen in Jobinterviews willkürlich?

Nach allem, was Sie gerade gelesen haben, liegt diese Einschätzung nahe. Doch in den meisten Fällen ist Ihre Sorge unbegründet. Die Durchführung von Vorstellungsgesprächen hat in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit von einschlägigen Arbeitsgruppen erhalten, die mögliche psychologische Effekte intensiv untersucht haben. Aus den Ergebnissen wurden Empfehlungen abgeleitet, die in zahlreichen praktischen Leitfäden mündeten. Personaler und Entscheider werden intensiver geschult. Mittlerweile setzen viele Unternehmen bei Jobinterviews auf eine gemischte Zusammensetzung des Beurteilungsteams, um Urteilsfehler aufgrund von Alters- und Geschlechtereffekten auszumitteln. Denn, und das zeigt die Statistik: Urteile, die von zwei oder mehr Personen gefällt werden, sind deutlich weniger fehleranfällig als Entscheidungen von Einzelpersonen. Und vergessen Sie nicht: Es gibt immer zwei Parteien in einem Jobinterview! Bei einem Vorstellungsgespräch sind Sie den Urteilen und möglichen Wahrnehmungsverzerrungen von Entscheidern nicht wahllos ausgeliefert. Nun kennen Sie mögliche Effekte und können versuchen, diese zu Ihren eigenen Gunsten zu beeinflussen.

Ausblick: „Dress for the job you want to have“

Das Zitat sagt bereits viel, aber nicht nur durch Ihre äußere Erscheinung, sondern durch Ihr gesamtes Verhalten und Ihre Körpersprache können Sie die Einschätzung Ihrer Person stark beeinflussen. Worauf Sie dabei achten müssen, erfahren Sie im nächsten Teil der Artikelreihe zur Psychologie in Bewerbungssituationen. Susan Höntzsch, die Autorin unser Serie, ist Diplom-Psychologin und schreibt auch in ihrem eigenen Blog (www.karrierepfa.de) über Themen rund um Karriere und Beruf.
Service-Info: Für die berufliche Orientierung oder die Vorbereitung auf eine Bewerbung können Sie mit unseren kostenlosen Online-Tests selbst überprüfen, wo Ihre Stärken und Schwächen liegen oder welcher Persönlichkeitstyp Sie sind. Vom Logiktest bis zur speziellen Berufswahlprüfung stehen Ihnen insgesamt acht Tests zur Verfügung. Zu den Tests
27.02.2017