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"One Week Experience": Traumberuf auf Probe

Das Team der Initiative

©One Week Experience

Das Berliner Start-up „One Week Experience“ vermittelt Schülern die Chance, interessante Ausbildungsplätze und Studienfächer intensiver als im Praktikum auszuprobieren: als „Schattenbegleitung“ von Azubis und Studenten.  

Mehr als 300 anerkannte Ausbildungsberufe gibt es in Deutschland und Tausende Studiengänge. Viele der Bezeichnungen für diese klingen für angehende Auszubildende oder Studenten vielleicht erst einmal spannend, aber auch irgendwie mysteriös – oder sie sagen ihnen schlicht gar nichts. Für Schülerin Alice Becker ist die Vorstellung davon, wie der Alltag eines angehenden Modedesigners aussieht, gerade ein bisschen realistischer geworden – und die Gefahr, dass sie nach der Schule von ihrer Ausbildung enttäuscht werden könnte, etwas geringer. Die Berlinerin hat an dem Programm des Social Start-Ups One Week Experience teilgenommen und während einer Schnupperwoche den Alltag eines Azubis in der Modebranche erlebt.

One-Week-Experience-Teilnehmerin Alice Becker
One-Week-Experience-Teilnehmerin Alice Becker (als Gast beim Event „Bread & Butter“ in Berlin): Interessante Schnupperwoche als Modedesignerin

Auf der Plattform der Initiative bieten junge Auszubildende und Studierende aller Fachrichtungen sich als Gastgeber an. Wer sich für einen der kostenlosen Plätze interessiert, nimmt online Kontakt auf und begleitet dann eine Woche lang den Programmpartner in dessen Alltag. Dazu gehört neben dem Beruflichen auch die Freizeit.

Ziel des Berliner Start-Ups (Unser Aufmacherfoto zeigt das Team) ist es, der hohen Abbrecherquote im Studium (28 Prozent) und während der Ausbildung (24 Prozent) entgegenzuwirken, indem jungen Menschen schon vorab ein realistischer Einblick in das entsprechende Fach oder Unternehmen gewährt wird. Neben den hohen Kosten, die durch einen Ausbildungsabbruch auf vielen Seiten entstehen, soll so auch der oft damit verbundene Motivationsverlust verhindert werden.

Viele Teilnehmer nehmen den Kontakt zu ihrem Projektpartner über die Online-Plattform von One Week Experience auf. Knapp 10.000 User sind laut Gründerin Svanja Kleemann derzeit bei One Week Experience registriert. Damit potentielle Teilnehmer erreicht werden, stellt das Team des Start-Ups das Programm direkt in Schulen vor und wirbt online dafür.

Auch Alice war über ihre Lehrer auf das Angebot aufmerksam geworden. „One Week Experience wurde in meiner Schule vorgestellt. Ich habe schon immer gern gezeichnet und dann gleich gedacht, dass ich das Programm gern im Bereich Modedesign ausprobieren würde“, sagt die 15-Jährige. Die Schülerin nahm Kontakt zu dem Start-Up auf und wurde an die Berliner Berufsausbildungsstätte Lette Verein vermittelt, an der sie dann während einer von ihrer Schule angesetzten Projektwoche ihre One Week Experience verbrachte.

Während derer lernte Alice Becker den Alltag der Modedesigner in Ausbildung kennen und erlebte dabei auch Überraschungen. „Einmal sind wir durch Berlin gelaufen und haben Passanten zu ihrem Kleidungsstil befragt, um daraus eine Studie zu machen. Ich hatte vorher gar nicht gedacht, dass solche Dinge auch zu der Ausbildung gehören könnten“, sagt die 15-Jährige, die in zwei Jahren ihr Abitur machen möchte. „Mir hat die Schnupperwoche total viel Spaß gemacht und ich könnte mir sehr gut vorstellen, nach der Schule dort meine Ausbildung zu machen.“

„Die One Week Experience bringt mehr als ein normales Schülerpraktikum“

Damit hat die One Week Experience für Alice eine Erkenntnis gebracht, die viele ihrer Mitschüler, die zeitgleich ein reguläres Praktikum in einem Unternehmen absolvierten, offenbar missen mussten. „Oft klappt die Organisation nicht so richtig, sodass es nicht einfach ist, einen guten Praktikumsplatz zu bekommen. Viele sind dann eher darum bemüht, überhaupt etwas zu bekommen und machen sich weniger Gedanken darum, was sie eigentlich gern möchten. Das finde ich schade“, sagt Alice rückblickend.

One-Week-Experience-Gründerin Svanja Kleemann
One-Week-Experience-Gründerin Svanja Kleemann: „Ich hatte immer das Gefühl der Unsicherheit“

Die eigene Erfahrung brachte Gründerin Svanja Kleemann zu dem Projekt. Um nicht wie viele andere junge Menschen nach dem Abitur ohne Plan dazustehen, wollte sie unbedingt noch vor ihrem Abschluss herausfinden, welcher Studiengang es im Anschluss sein sollte. „Leider war das alles andere als einfach. Weder Online-Recherchen, Abimessen, Tage der offenen Tür, noch Orientierungstests oder das Berufsinformationszentrum konnten mich wesentlich weiterbringen – ich hatte immer das Gefühl der Unsicherheit, insbesondere, weil ich mir hinter der Beschreibung der Studiengänge nicht viel beziehungsweise nicht genug vorstellen konnte“, sagt sie.

Die Entscheidung fiel schließlich auf das Studium der Politik- und Verwaltungswissenschaften – „Nachdem ich anfing zu studieren wurde mir schnell klar, dass ich alles hätte studieren können, um wie von mir gewünscht bei einer internationalen Organisation zu landen und ich mich anders entschieden hätte, wenn ich diesen Einblick zuvor erhalten hätte.“

So entstand 2012 die One Week Experience, damals noch unter dem Namen „quaestia“: Die Gründerin wollte Schülern die Möglichkeit geben, einen authentischen Einblick in das Studium zu erhalten – und ihnen eine Erfahrung geben, die ihr selbst vielleicht geholfen hätte. „Indem die Jugendlichen eine Woche lang der ‚Schatten‘ eines Studierenden werden und teils auch bei diesem wohnen, können sie den Studiengang und das Studentenleben mit all seinen Facetten kennenlernen und eine Entscheidung basierend auf eigenen Erfahrungen treffen“, sagt Svanja Kleemann. Interessierte können mittlerweile zwischen 460 Studiengängen in ganz Deutschland wählen.

Das nach demselben Schema funktionierende Programm für angehende Auszubildende, „One Week Azubi“, kam dann im Juli 2016 hinzu. Es wird unterstützt von der Prof. Otto Beisheim-Stiftung und wird bislang in Partnerunternehmen in Berlin und Nordrhein-Westfalen angeboten. Durch den engen Kontakt zu ihrem Betreuer und den anderen Schülern des Lette Vereins erlebte Alice Becker auch, dass das „Abschalten“ nach der Schule dort nicht unbedingt die Regel ist. „Auch nach dem Ende des Schultages haben sich alle noch viele Gedanken über die Ausbildung gemacht und teils auch gearbeitet“, sagt sie. Ihr Programmpartner Alex etwa habe in seiner Freizeit Brautkleider entworfen. Abgeschreckt fühlt sie sich durch die viele Arbeit nicht. „Wenn es Spaß macht, dann wäre es für mich kein Problem, viel zu tun zu haben.“

Die Programme stehen unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Wer als Gastgeber einen Jugendlichen bei sich aufnimmt, erhält für seinen ehrenamtlichen Einsatz ein Zertifikat mit dem Logo des Ministeriums – und die Gast-Azubis können über die Community potentielle Arbeitgeber kennenlernen.

Umgekehrt ist das Programm auch für Unternehmen attraktiv: Sie können sich als Arbeitgeber für junge Menschen bekannt machen und Kontakte knüpfen zu potentiellen Mitarbeitern, die mit dem Ehrenamt bereits besondere Einsatzbereitschaft bewiesen haben. Das Start-Up plant, unter anderem durch Kooperationen wie mit der Bundesagentur für Arbeit weiter innerhalb Deutschlands zu wachsen. Svanja Kleemann sagt: „Sobald wir in Deutschland etabliert sind, soll es natürlich ins Ausland gehen – denn auch dort gibt es eine große Nachfrage und die Internationalisierung sowie der interkulturelle Austausch bieten große zusätzliche Mehrwerte.“

Text: Antonia Thiele


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