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"Mein Start": Vom Lokalreporter zum Regierungssprecher

Georg Streiter, stellvertretender Regierungssprecher

@Foto: Bundesregierung/Denzel

Georg Streiter ist stellvertretender Regierungssprecher in Berlin. Wie er nach einer höchst abwechslungsreichen Karriere als Journalist zu dem Job an Angela Merkels Seite kam, schildert er in dieser Folge unser Serie „Mein Start“ auf Bewerbung.com

Eigentlich hat mir mein phantastischer Schuldirektor (von dem ich hauptsächlich das Gauloises-Rauchen gelernt habe) den Weg gewiesen. Ich war ein wirklich mieser Schüler, hatte kein Lieblingsfach, und auf dem schier endlosen Weg zum 3,5-Abitur hatte er eine Deutsch-Arbeit in der Unterprima so benotet: „Wunderbar geschrieben, steht aber leider nicht viel drin. Deshalb nur befriedigend.“ Ein gewisses Talent war also nun amtlich – jetzt fehlten noch Inhalte, ein Medium und ein Kontakt. Da machte ich, 1973, ein Jahr vor dem Abitur, Bekanntschaft mit den beiden großen Konstanten in meinem Berufsleben: Glück und Netzwerken. Ich lernte nämlich bei der Arbeit an der Festschrift zum 300-jährigen Bestehen des Beethoven-Gymnasiums in Bonn Karl Rüdiger Durth, einen Redakteur der „Bonner Rundschau“ kennen, der viel über unsere Schule schrieb und ständig Material brauchte. Ich konnte es liefern.

Drei Jahre später, nach Abitur und Bundeswehr-Zeit, brachte ich mich bei dem Kollegen in Erinnerung und wurde freier Mitarbeiter der Bonner Rundschau. Für ein Honorar von 20 Pfennig (elf Cent) pro Zeile (30 Anschläge) berichtete ich so viel aus dem Stadtteil Tannenbusch und aus den kleinen Bezirksparlamenten in Bonn, dass ich mir davon eine Zwei-Zimmer-Wohnung und sogar den Unterhalt eines VW-Käfer leisten konnte. Relativ schnell lernte ich, wie ich möglichst viel schreiben (und möglichst viel Geld verdienen) konnte: Kümmere Dich um Dinge, für die Redakteure keine Zeit oder wozu sie keine Lust haben. Das waren hauptsächlich Wochenend-Termine. Und Akten lesen. Und fragen. Ich hatte nie ein Problem damit, zuzugeben, dass ich etwas nicht verstanden habe. Und habe mir alles, wenn es sein musste, fünfmal erklären lassen. Mancher Informant war schon leicht genervt, wenn ich ihn zum x-ten Mal gefragt habe, was eigentlich eine Verpflichtungsermächtigung im Haushaltsplan genau ist.

Das zweite, was ich gelernt habe: Das eigene Telefonbuch ist das wichtigste Arbeitsmittel. Kontakte, Kontakte, Kontakte! Bis heute sammele ich Telefonnummern. Netzwerken (von Angesicht zu Angesicht funktioniert übrigens besser und ist weitaus effektiver als Facebook) bereitet dem Glück die Bahn: Jeden Termin habe ich genutzt, mit Kolleginnen oder Kollegen anderer Zeitungen ein paar Worte zu wechseln oder einen Kaffee zu trinken. Heute heißt das Networking. Und ich habe gelegentlich immer noch Kontakte, die ich seit mittlerweile 40 Jahren kenne.

Meine erste richtige Anstellung ergatterte ich durch eine zufällige Begegnung mit einem Kollegen der Kölner BILD-Redaktion. Die suchten dringend jemanden, der sich um Kommunalpolitik kümmern sollte. Da war ich natürlich der Richtige.

Kleiner Tipp am Rande: Wer sich für politische Berichterstattung interessiert, sollte sich unbedingt einige Jahre der Kommunalpolitik widmen. Dort – insbesondere natürlich im Kölner Klüngel – lernt man wirklich alle Licht- und Schattenseiten der Politik auf kleinstem Raum kennen. Nirgendwo anders kann man die Mechanismen der Macht unmittelbarer erleben.

Ungefähr alle drei Jahre habe ich einen neuen Job begonnen, und immer war es der persönliche Kontakt, der mir eine neue Tür geöffnet hat. Die wichtigsten von ihnen waren Michael Spreng, Wolfgang Clement, Rolf Schmidt-Holtz, Christian Krug und Kai Diekmann. Nur ein einziges Mal im Leben, ganz am Anfang, habe ich eine Bewerbung geschrieben: Da wollte ich zur Pressestelle der Lufthansa in Köln, weil damals die Bediensteten der Airline für zehn Prozent des Flugpreises privat fliegen durften. Dafür brauchte ich die Lufthansa – die brauchte mich aber nicht. Um alle Jobs, die dann kamen, habe ich mich nicht beworben. Sie kamen irgendwie auf mich zu.

2009, nach 33 Jahren Schreiben, Layouten, mit Chefs auseinandersetzen, Ressorts leiten und “Wir sind Papst“-Schlagzeile wurde die Luft in den Redaktionen dünner. Alle für mich interessanten Positionen waren gut oder sehr gut und auf längere Sicht mit anderen besetzt. Es ging nicht mehr so richtig voran, von allen Seiten grüßten die Murmeltiere. Und ich war ja nun auch nicht mehr der Jüngste – was einerseits ein Vorteil (Erfahrung), andererseits aber auch ein Nachteil (der Opa blockiert meine Karriere) war.

Viele Kolleginnen und Kollegen hielten mich für verrückt, als ich im Februar 2010 meine Zelte in Deutschland abbrach und nach Brüssel ins Büro der damaligen Europa-Abgeordneten Silvana Koch-Mehrin wechselte. „Das kann in Deinem Alter gewaltig schief gehen“, hörte ich von allen Seiten, und: „Wie kann man sich nur abhängig von einer Person machen?“ Ich antwortete allen: „Wer vorher wissen will, was draus wird, der sollte zur Post gehen. Da ist die Karriere klar geregelt.“ Ich war neugierig, wie Politik von innen funktioniert – und wurde nicht enttäuscht. Mein Vorurteil, dass Politiker alles mit links und relativ beliebig erledigen, stimmte einfach nicht. Fast alle sind wahnsinnig fleißig und sind getrieben von dem Willen, das Leben und die Welt besser zu machen. Ja, manchmal verschätzen sie sich – aber es sind eben nicht die sinistren Gestalten, denen außer der Macht und dem eigenen Vorteil alles wurscht ist.

„Regierungssprecher – das ist viel Arbeit, weniger Glitzer“

Nach eineinhalb Jahren im Europäischen Parlament rief mich urplötzlich Philipp Rösler an, damals frischgebackener FDP-Vorsitzender, Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler. Er war auf der Suche nach jemandem, der nicht seinem Vorgänger Guido Westerwelle verpflichtet oder mit ihm verbunden war. Gesucht wurde ein stellvertretender Sprecher der Bundesregierung, der seines und das Vertrauen der Bundeskanzlerin gewinnen kann. Etliche hatten abgesagt, weil ihnen das Risiko in ihrer Lebensphase zu hoch erschien. Schließlich kann man als Regierungssprecher jeden Tag und ohne jede Begründung gefeuert werden. Das sind die Spielregeln. Neugierig und wissensdurstig wie ich bin, habe ich sofort zugesagt – und es bis heute nicht eine Sekunde lang bereut.

Regierungssprecher – das hört sich toll an, klingt nach viel Glitzer. Ist aber hauptsächlich viel Arbeit: Kolleginnen und Kollegen, so sehe ich Journalisten bis heute, haben Fragen über Fragen, die einigermaßen geduldig beantwortet werden wollen. Gern auch Freitagabend oder Samstagvormittag.

Dabei habe ich eine interessante Erfahrung gemacht: auch im Internetzeitalter ist es meistens nur die Regierung, die „always on“ ist. Im Juli 2015 zum Beispiel verbreitete meine alte Zeitung gegen Mitternacht, die Kanzlerin sei in Bayreuth zusammengebrochen: „Kollaps! Ohnmacht!“ Noch während ich darüber nachdachte, ob ich sie nun anrufe oder nicht, meldete sie sich bei mir und klärte auf: Ihr Stuhl war zusammengebrochen, aber nicht sie. Es dauerte Stunden, diese Falschmeldung, die gerade ungeprüft um den Globus raste, wieder einzufangen. An der Erreichbarkeit können viele Redaktionen noch arbeiten …

Glitzer gibt es beim eher unsichtbaren Teil meiner Tätigkeit: Begleitung der Bundeskanzlerin. Ob beim Essen mit einem ausländischen Staatschef, einer Rede vor einem Gewerkschaftskongress oder bei der Eröffnung der Elbphilharmonie – einer von uns ist immer dabei. Das sind Termine, bei denen man wahnsinnig viel lernt, auch weil sie sehr gut von sehr klugen Beamten vorbereitet werden.

Mein Zwischenfazit (wer weiß, was das Leben für mich noch bereithält …): mit Fleiß, Netzwerken, Lernbereitschaft und Glück kann man die tollsten Jobs der Welt erreichen. Man sollte sich nur nicht vorher auf einen bestimmten festlegen. Den Horizont nicht einengen, sondern erweitern. Und wenn ich schon morgen sterben müsste, dann würde ich noch sagen wollen: Toll, dass ich das alles erleben durfte! Danke, Du Leben!


Service-Info: Ob Regierungssprecher, Kommunikationsmanager, Social-Media-Experte oder Journalist: Ein berufliches Netzwerk aufzubauen – und zu pflegen -, ist langfristig von Vorteil. Lesen Sie hier, wie Networking am besten funktioniert. Und wenn Sie sich wie Georg Streiter für eine Karriere in den Medien begeistern, bietet Ihnen der XING Stellenmarkt die beste Übersicht über attraktive Angebote in der Kommunikationsbranche. Sie können Ihre Recherche schon hier beginnen. Viel Erfolg.


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