Von wegen Work-Life-Balance: Jeder Zehnte macht Überstunden

Ein Mann isst nachts vor seinem Computer und macht Überstunden © Gpointstudio / Getty Images

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4,5 Millionen Menschen – also rund 12 Prozent – haben 2021 mehr gearbeitet als vertraglich vereinbart. Im Schnitt machten Männer mit 14 Prozent mehr Überstunden als Frauen (zehn Prozent).

Insbesondere im Banken- und Versicherungmssektor aber auch in der Energiewirtschaft wurden hauptsächlich Überstunden geleistet, wie spiegel.de berichtet. Ungefähr 20 Prozent der Beschäftigten haben ihren Feierabend nach hinten verschoben. Kaum überraschend hingegen ist, dass im Gast- und Kunst- beziehungsweise Unterhaltungsgewerbe die wenigsten Überstunden geleistet wurden (sechs Prozent). Rückzuführen ist dies auf die Maßnahmen, die durch die Coronapandemie festgelegt wurden.

In der Regel war die Mehrarbeit auf nur ein paar wenige Stunden über die Woche aufgeteilt. Allerdings arbeitete ein Drittel derjenigen, die Überstunden machten, sogar mehr als 15 Stunden extra. Immerhin lohnt es sich finanziell – könnte man annehmen. Dem ist allerdings nicht so:

22 Prozent der geleisteten Überstunden wurden nicht vergütet. Ausbezahlt wurden im Schnitt nur 18 Prozent. Ein Arbeitszeitkonto fand hier die größte Anwendung. 72 Prozent haben sich die Überstunden lediglich aufgeschrieben, um sie später abzubauen. Betrachtet man die Zahlen geht hervor, dass gewiss häufig eine Mischform stattgefunden hat. 

Arbeitsrecht Überstunden © Maskot / Getty Images
Um 9 Uhr anfangen und um Punkt 17 Uhr den Feierabend einläuten: In vielen Jobs hat das mit der Realität wenig zu tun. Aber wie kommen Beschäftigte an einen Ausgleich für ihre Überstunden?  

Die wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung, Bettina Kohlrausch, sagt dazu:

"Solche Zahlen sind beunruhigend. Vor diesem Hintergrund wird noch einmal deutlich, wie unnötig und kontraproduktiv Diskussionen über eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit sind. Wer Fachkräfte halten möchte, sollte sich um attraktive Arbeitsbedingungen kümmern. Dazu gehören Arbeitszeitarrangements, die zum Beispiel Spielräume für eine bessere Vereinbarkeit für Arbeit und Leben lassen."

Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Siegfried Russwurm, hat zu der Thematik eine andere Meinung. Er äußerte sich positiv zu einer erhöhten wöchentlichen Stundenanzahl – allerdings dann auch mit entsprechender Entlohnung. Insbesondere, aber nicht nur, im Handwerk fehlen viele Fachkräfte, sodass man dadurch entgegen wirken könnte.

14.06.2022